Bluehen a

Blühen | Der Sommer beginnt JETZT

21.06.02, Beginn 21 Uhr

Einladung zur Performance 'Blühen'
Oßwald/Sautermeister aus MannheimOpen-Air-BarLive-MusikLichtspieleunterm Sternenhimmelbei Regen in der Kunsthalle

Pressespiegel
Südkurier vom 26. Juni 2002

Röslein, du musst leiden

Performance "Blühen" im Neuwerk war eine gelungene Irritation

"Blühen" hieß das Thema des Abends im Neuwerk. So nennen die beidenPerformance-Künstler Gabriele Oßwald und Wolfgang Sautermeister ihr neuestes Werk. In gelungenem Kontrast zum Titel stand das Abbruchhaus-Ambiente des Neuwerks. Trotz des heißen Sommerabends ließen sich rund 50 Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Überraschung ein, die ihnen hier blühen würde.Das Duo Oßwald und Sautermeister gehört nicht zu den lauten Krawallmachern, die nichts als die eine nach Aufmerksamkeit heischende Aktion im Sinn haben. Sie provozieren auf subtilere Art. Sie agieren wie Schauspieler auf einer Bühne, doch mit unbeweglichen Gesichtern, ohne ein Wort zu sprechen, mit sparsamen, verlangsamten Gesten. Sie wirken nicht als Individuen, sondern einfach als: ein Mann und eine Frau."Blühen" soll hier die Fantasie der Zuschauerinnen und Zuschauer. Doch wehe demjenigen, der sich durch die romantisch mit Rosen geschmückten Windlichter, die den Weg zum Ort der Performance markieren, hat täuschen lassen. Die Aktion beginnt mit einem Tabubruch. "Sah ein Knab' ein Röslein stehen..." Wer sich recht erinnert, weiß sofort: "Röslein, du musst leiden." Und in der Tat: Drei Blumentöpfen mit saftigen, roten Begonien wird auf drastische Weise der Garaus gemacht. Sie werden nacheinander auf ein dickes Brett gestellt, das in der Mitte auf einem Ziegelstein aufliegt. Gabriele Oßwald springt mit aller Kraft auf das andere Ende des Bretts, und der Blumentopf segelt durch die Luft. Die Zuschauer und Zuschauerinnen in der ersten Reihe rutschen mitsamt ihrer Bank einen Meter nach hinten. Die Reste im Topf werden ein bisschen zurechtgerückt und erneut dieser Gewaltkur unterzogen. Das wiederholt sich solange, bis Erde, Blätter und Blüten den Boden bedecken und die Pflanzen buchstäblich im Eimer sind. Die ersten sensiblen Pflanzenfreunde haben den Raum schon verlassen...Im Eimer, respektive im Blumentopf, sind aber auch die beiden Künstler, die sich kopfüber in einen solchen einpflanzen. Sie spielen mit der Reaktion des Publikums, zeigen selbst jedoch keinerlei Regung, die psychische Befindlichkeit lässt sich allenfalls erahnen. Einen Anhaltspunkt bietet ausschließlich die Musik, die die einzelnen Szenen begleitet oder mehr noch: unterstützt und verdeutlicht. "Ganz in Weiß" wendet sich das Paar einander zu, sitzt sich gegenüber. "Ja, dann reichst Du mir die Hand" erklingt, und die beiden stecken sich gegenseitig Löffel in den Mund, den Stil voran. Gemeinsam drehen sie sich im Tanz: "La vie en rose".Doch die Gemeinsamkeit währt nicht lange, dann beschäftigt sich jeder mit sich selbst und seinem Kopf. Sie, indem sie sich die seltsamsten Gegenstände auf den Kopf drapiert, er, indem er sich eine Boxershort oder ein paar Feinstrumpfhosen übers Gesicht zieht. Das seltsame Paar wird durch eine nackte Babypuppe zur Familie komplettiert, doch in dem Kind spiegelt sich offensichtlich nur der "Vater" wider. Sie fragen sich, was das soll? Dann haben Sie es verstanden. Denn genau das Infragestellen ist der Sinn der Sache. Die Gegenstände, mit denen die Künstler agieren, sind uns alle vertraut, doch hier werden sie aus ihrer gewohnten Umgebung entfernt und ihres eigentlichen Zweckes beraubt. Mit unserer eingeübten Wahrnehmung und unserem antrainierten, sozialen Handwerkszeugfinden wir keine Erklärung. Das wirkt beunruhigend und absurd.

Martina Keller-Ullrich